Feuerwehr

„Dieser Beruf ist kein Job – dieser Beruf ist Berufung“

12.06.2023

Erik Brumm, Feuerwehrmann bei der Berufsfeuerwehr Frankfurt am Main, seit 1997 ver.di-Mitglied und aktiv im Fachvorstand Feuerwehr. Im Fachvorstand Feuerwehr sind von den Mitgliedern der Feuerwehren gewählte Feuerwehrleute tätig, die neben ihrer Berufstätigkeit einen Teil ihrer Freizeit darauf verwenden, sich ehrenamtlich für ihre Kolleginnen und Kollegen einzusetzen.

 

Ist aus deiner Sicht die Entscheidung Feuerwehrmann zu werden richtig gewesen oder würdest du dich heute anders entscheiden?

Diese war zu 100 Prozent richtig. Ich würde es jedes Mal wieder so machen, weil dieser Beruf kein Job, sondern eine Berufung ist. Du bringst viel in diesen Beruf des Feuerwehrmanns ein. Manchmal geht das auch an deine Kapazitäten, mental wie körperlich. Dann bist du froh, wenn du jemand hast, mit dem du darüber reden kannst. Der Kollegenkreis fängt dich auf, der funktioniert als Gemeinschaft. Ich würde es sogar als Zweitfamilie bezeichnen. Weil du mit vielen Kollegen über einen langen Zeitraum zusammenarbeitest, entwickeln sich Freundschaften im Privatbereich, dann geht man mal Kanufahren oder macht einen Grillabend oder so etwas. Der Zusammenhalt ist etwas, was die Feuerwehr ausmacht. Weil du dich gegenseitig auffangen kannst. Du legst ja quasi jedem dieser Truppe dein Leben in die Hände, wir sind aufeinander angewiesen und das schafft eine Vertrauensbasis. Das muss man eben einmal gespürt haben. Das ist schlecht zu beschreiben.

Kannst du dich an einen Einsatz erinnern, der dich nicht mehr loslässt, an den du immer denken musst?

Das Leben von einem Feuerwehrmann – das kannst du dir vorstellen – ist wie ein Fass. Da kommt ständig ein Tropfen dazu. Und es gibt Dinge, die brennen sich auf die Festplatte. Die kriegst du nie weg. Es gibt manches, das streifst du irgendwann ab, das kommt vielleicht ab und zu nochmal hoch. Und dann gibt es Situationen, die hast du immer präsent, dann bin ich sofort wieder in dem alten Einsatz. Aber ich habe gelernt, damit umzugehen. Wir haben in Frankfurt auch die Möglichkeit im Rahmen einer psychosozialen Nachbesprechung über eine stressbelastende Einsatzsituation zu sprechen. Wir haben Ansprechpartner, um über belastende Einsätze zu reden und diese zu verarbeiten.

Kann das Geld, das Feuerwehrleute für ihre Tätigkeit erhalten, das auffangen, was du schilderst?

Ernsthaft kann das kein Geld der Welt. Wie viel willst du denn dafür bezahlen? Ich habe ja schon gesagt, dass ist kein Job, sondern das hat was mit Berufung zu tun. Ich tue so etwas ja aus vollster Überzeugung oder ich lasse es. Das ist meine Einstellung zu dem Beruf. Wenn ich nicht 100 Prozent überzeugt bin von dem, was ich tue, geht was schief. Oder ich zweifele immer mehr und mehr an mir. Das finde ich noch viel schlimmer.

Warum bist du als Feuerwehrmann Gewerkschaftsmitglied geworden?

Weil ich der Überzeugung bin, dass mir eine starke Gemeinschaft die Rückendeckung gibt, um meine Tätigkeit ausüben zu können, aber mir auch das Netzwerk bietet, um an Informationen zu kommen, die ich brauche. Ich bin eingetreten in ver.di, weil ich überzeugt bin davon, dass es nur mit einer großen Unterstützung sinnig ist, in Tarifverhandlungen oder in Gehaltsverhandlungen einzutreten. Nur dann bekommst du das Gehör, was notwendig ist, um gute Abschlüsse hinzubekommen.

Welche Vorteile bietet dir die Gewerkschaftsmitgliedschaft bei ver.di?

Es haben sich mittlerweile auch Freundschaften entwickelt. Wir kennen uns schon seit 20 Jahren in der Fachgruppe Feuerwehr. Auf hessischer Ebene, auf Bundesebene. Und wie sonst komme ich zur Bundesinnenministerin, wenn nicht über die ver.di-Bundesfachgruppe Feuerwehr. Das ist es auch, was mir dann wieder etwas zurückgibt. Aber ich kann auch über ver.di mein Wissen verbessern. Die Seminare und der Austausch sind für mich als Personalratsvorsitzender der Feuerwehr Frankfurt/Main elementar wichtig, um meine Arbeit leisten zu können. Auch die Bildungsurlaube und das Bildungsangebot ist mir wichtig. Und die praktische Unterstützung, die ich habe, mit Rechtsberatung und so, das ist schon sehr wichtig für mich.

Welche Möglichkeiten gibt es, sich in ver.di aktiv zu beteiligen?

Die Betriebsgruppen, Vertrauensleutekörper, das ist das, was uns wichtig ist innerhalb des Netzwerks, innerhalb von Frankfurt und innerhalb der Stadtverwaltung. Und ansonsten kann man sich bei ver.di vielfältig betätigen, worauf man Lust hat. Es gibt auch Freizeitangebote, bei uns in Hessen wird sogar eine Motorradtour angeboten, das ist dann „Gewerkschaft nach der Arbeit“. Die Tour kann man im ver.di-Zentrum Gladenbach buchen, zwei Mal im Jahr. In Frankfurt am Main und der Region gibt es ab und zu auch einen politischen Spaziergang. Da kannst du dich dann abends mit ver.di-Kolleginnen und -Kollegen treffen und politische Entscheidungen in Frankfurt diskutieren.

Ist es für euch im Kollegium wichtig, dass ver.di vor Ort präsent ist? Das ver.di nahbar ist und es dort Ansprechpartner gibt?

Bei der Feuerwehr ist es so, dass wir relativ dienstbezogene Menschen sind. 75 Prozent, die bei uns arbeiten, wohnen nicht in Frankfurt, da es einfach zu teuer für die meisten Kolleginnen und Kollegen ist. Die kommen zur Arbeit und fahren danach wieder heim. Und nach den 24-Stunden-Dienst machen die keinen Handschlag mehr. Da ist schon Vertrauensleute-Arbeit echt schwer. Wir sind im Schichtbetrieb, da müssen wir schauen, wie wir unsere Termine legen. Auch die Freistellung für eine Vertrauensleutesitzung ist schwierig, das ist ja ein Ehrenamt. Die Teilnehmenden kommen dann entweder nach dem Dienst oder im Dienstfrei, und das ist dann noch mit einer zusätzlichen Anreise verbunden. Das Ehrenamt ist eine zusätzliche Belastung. Die Arbeit ist für viele schon genug, für uns ist es immer eine Herausforderung, Leute zu finden, die darauf Bock haben, die sich überzeugen lassen und für ver.di innerhalb von Frankfurt etwas tun. Bis jetzt gelingt uns das noch, aber das wird auch zunehmend schwieriger.

 

Vielen Dank für das Gespräch Erik!